18. Mai 2022

Elektrische Netze der Zukunft sichern!

Im Interview erzählt Prof. Dr.-Ing. Cezary Dzienis von seinem Berufungsgebiet und wie er seit Januar 2022 die Lehre an der HSZG angeht.


Professor Dzienis lächelt in die Kamera.
Foto: Jens Freudenberg Seit dem 01. Januar 2022 an der Fakultät Elektrotechnik und Informatik beschäftigt: Prof. Dr.-Ing. Cezary Dzienis

Prof. Dr.-Ing. Cezary Dzienis ist seit dem 01. Januar 2022 Professor für Netzschutztechnik/Intelligente Netzführung an der Fakultät Elektrotechnik und Informatik der Hochschule Zittau/Görlitz. Warum es neue Ideen für den Netzschutz und die Netzführung braucht, wie er erstmalig mit der Hochschule Zittau/Görlitz in Kontakt kam, und was er Studieninteressierten empfiehlt, erzählt der gebürtige Pole im Interview mit der Öffentlichkeitsarbeit.

Prof. Dzienis, Netzschutztechnik und intelligente Netzführung sind die Schwerpunkte Ihres Berufungsgebietes. Was macht für Sie den Reiz daran aus?

Durch die Dezentralisierung der Energieversorgung sowie die zurecht intensivierte Anbindung der erneuerbaren Energiequellen an das Netz – die jedoch immer noch einen volatilen Charakter besitzen – verändert sich auch das Betriebsverhalten von elektrischen Netzen. Die deterministische Beeinflussung der Versorgung, die Übertragung und die Verteilung der elektrischen Energie nach alten Regeln ist kaum möglich. Um elektrische Netze in der Zukunft sicher und zuverlässig betreiben zu können, müssen neue Ideen in Bezug auf den Netzschutz sowie die Netzführung entwickelt und sich in praktischer Anwendung unter Beweis gestellt werden. Da wir aus meiner Sicht noch weit entfernt von diesem Ziel sind, fühlt man sich – ich empfinde das jedenfalls so – als ein Pionier auf diesem Gebiet und sieht eine große Chance darin, durch diverse Forschungsaktivitäten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können.

Wie bauen Sie Ihre Lehre auf? Gibt es aktuelle Forschungsfelder, an denen Sie mitwirken?

Eine adäquate und für alle Akteure spannende Gestaltung der Lehre auf meinem Gebiet zu entwickeln ist anspruchsvoll und bedeutet für mich schon, in kurzer Zeit gewisse Herausforderungen möglichst erfolgreich meistern zu wollen und zu müssen. Eine verständliche Überführung der Theorie in die praktische Anwendung, die im Rahmen der ingenieurwissenschaftlichen Fächer grundsätzlich durch Laborversuche und Rechenübungen erreicht werden soll, gestalten sich in diesem Fall etwas komplizierter. Der Grund dafür ist die große Komplexität des Faches, das viele, nicht unbedingt benachbarte Gebiete miteinander verknüpft. An dieser Stelle habe ich mich dafür entschieden, bereits auf der Vorlesungsebene praxisorientierte Experimente in Verbindung mit der Theorie vorzuführen und so die Studierenden besser auf die Laborversuche einzustellen. Das ist möglich durch die Anwendung eines sog. Digital Zwillings, eines PC-lauffähigen Simulationsprogramms, das vollständig das Hardwareverhalten nachbildet. Bereits für das Fachgebiet Schutz- und Leittechnik haben wir eine spezielle Software angeschafft, die komplette Simulation von mehreren Schutzgeräten ermöglicht. Wir sind die einzige Hochschule deutschlandweit, die diese spezifische Software in der Lehre nutzen wird. Außerdem sind wir gegen einen möglichen Pandemiefall gut gerüstet, indem wir dafür gesorgt haben, Laborversuche weiterhin im Onlinemodus anbieten zu können. Darüber hinaus war es mit der Unterstützung der industriellen Partner möglich, ein modernes Labor für Schutz- und Leittechnik aufzubauen. Hier können sich die Studierenden mit der neusten Technik vertraut machen.

In Bezug auf die Forschungsfelder war ich bereits bei meinem ehemaligen Arbeitgeber mit der Anwendung der Wanderwellen auf dem Gebiet Schutztechnik und Fehlerortung beschäftigt. Ich bin der Meinung, dass diese Technologie besonders für die Netze der Zukunft, bei denen konventionelle Schutzprinzipien versagen, erfolgreich eingesetzt werden kann. Da es sich bei der Schutztechnik um ein sehr empfindliches Feld handelt, muss die angesprochene Technologie sehr detailliert erforscht werden.

Woher kommen Sie und weshalb haben Sie sich für eine Professur in Zittau entschieden?

Ich bin gebürtiger Pole, der aus dem nordöstlichen Teil der Republik – den man auch als „die grüne Lunge Polens“ bezeichnet – kommt. Bereits während meines Studiums in Polen hat sich bei mir ein großer Ehrgeiz und starker Wille entwickelt, künftig wissenschaftlich arbeiten zu wollen, und zwar bis hin zu einer Professorenstelle. Dank des europaweit etablierten Sokrates-Erasmus Programms konnte ich ein Semester lang an einer deutschen Universität verbringen und dort als HiWi an verschiedenen Forschungsaktivitäten mitwirken. Die damals geknüpften Kontakte fruchteten später mit einer Einstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Forschungsergebnisse habe ich in meiner Doktorarbeit dokumentiert, die ich erfolgreich im Jahr 2007 verteidigt habe. Darüber hinaus war ich in verschiedenen, durch die Industrie finanzierten Projekten involviert. So ist meine Verbindung zur Siemens AG Schutztechnik-Abteilung in Berlin entstanden, wo ich meine Industrieerfahrung als Entwickler und später als Senior Key Expert im Bereich Netzschutz sammeln konnte. Eine Vielzahl der Kolleginnen und Kollegen, von denen ich so viel gelernt habe und die in meinen Augen ebenso als Leistungsträger dieser Abteilung anzusehen sind, haben in Zittau studiert oder promoviert. Das war auch quasi der erste Kontakt mit Zittau. Da ich meinen Wunsch nach mehr Forschung nie aufgegeben habe, hat die Ausschreibung der Hochschule Zittau/Görlitz für das Fachgebiet Netzschutz und Intelligente Netzführung bei mir ein großes Interesse erweckt. Guter Ruf der Hochschule, spannendes Forschungsfeld des Berufungsgebietes, der Wille nach beruflichen Veränderungen sowie die Lokation – all das passte wunderbar zusammen. Man konnte an dieser Stelle keine andere Entscheidung treffen.

Wo haben Sie Ihren Abschluss gemacht und über welches Thema?

Mein Studium habe ich an der Technischen Universität Warschau absolviert. Die Abschlussarbeit widmete sich einer konformen Beziehung der elektrischen Energie aus dem Versorgungsnetz unter Berücksichtigung von volatilen Lasten. Durch die Anwendung eines Energiespeichers habe ich gezeigt, wie man aus dem Netz die fluktuierenden Lasten versorgen kann, ohne die Netzparameter verletzen zu müssen. Ich konnte beweisen, dass man in diesem Kontext nicht nur die moderne Technologie der Versorgung, sondern auch die Regelungsmethoden, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, einsetzen kann. Nach dem Studium habe ich das Angebot bekommen, an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg zu promovieren, das ich auch angenommen habe. Die Promotion widmete sich der Modellierung der Nichtlinearitäten in Energiesystemen.

Was würden Sie jungen Studieninteressierten bei der Wahl ihres Studiums raten? Hat Sie damals jemand inspiriert?

Jeder von uns hat eine bestimmte Veranlagung dafür, gewisse berufliche Tätigkeiten mit besonderer Leichtigkeit auszuüben und sich dabei beruflich zu erfüllen. Bereits in der Schulphase ist es wichtig, unsere Talente zu erkennen und die Entwicklung genau in diese Richtung zu lenken. Ich empfehle allen Studieninteressierten, bereits in früheren Gymnasialjahren an jeglichen von Hochschulen und Universitäten organsierten Veranstaltungen, die der Erkennung von Interessen gewidmet sind, teilzunehmen und die Angebote tiefgründig zu analysieren. Bei der Wahl der Studienrichtung soll man sich nicht unbedingt auf gegenwärtige, als „hip“ gehandelte oder gepriesene Studiengänge zu verlassen, sondern nachhaltig denken und schauen, wie der Arbeitsmarkt in den nächsten 5 bis 10 Jahren aussehen wird, d.h. sich vor allen mit den Prognosen zu beschäftigen. Heute kann ich definitiv sagen, dass wir in der breiten Branche der elektrischen Energiesysteme einen signifikanten Fachkräftemangel haben und diese Situation wird sich auch in nächsten Jahren nicht entspannen. 

Vertreten Sie bei der Arbeit mit Ihren Studierenden eine besondere Philosophie?

Da ich am Ende des Wintersemesters 2021 an der Hochschule Zittau/Görlitz angefangen habe, hatte ich noch nicht viele direkte Kontakte zu den Studierenden. Zurzeit betreue ich einige Studentinnen und Studenten, die ihre Abschlussarbeiten schreiben. Sowohl in den Lehrveranstaltungen als auch im Rahmen von Forschungsaktivitäten möchte ich gern auf eine kollegiale Zusammenarbeit mit den Studierenden setzen. Fragestellungen gemeinsam zu erklären, auch – oder eben insbesondere – hartnäckigen Problemen zusammen zu begegnen, sie als Teampartner zu eruieren und zu lösen. Vielleicht ab und zu auch mal nach dem Feierabend, beim leckeren, kühlen Bierchen… – man kommt dabei manchmal auf spannende, erfrischende Ideen…

Hatten Sie schon Gelegenheit, die nähere Umgebung zu erkunden? Sind Sie mehr ein See- oder ein Berg-Typ?

Ich habe keine klaren Präferenzen, wenn es um die Landschaft geht. Ich mag gern wandern, joggen und Fahrrad fahren. Die Zittauer Umgebung bietet hierzu hervorragende Möglichkeiten. Ich konnte bereits mit meiner Familie das Zittauer Gebirge ein bisschen näher erkunden. Insbesondere hat uns das Kloster auf dem Berg in Oybin gefallen. Weitere Ausflüge sind schon fest eingeplant und wir werden dabei bestimmt viel Spaß haben und die gemeinsame Zeit genießen können. Auch die besondere Lage von Zittau in der Dreiländerregion bietet eine große Vielfalt an Erholungsmöglichkeiten, die wir in näherer Zukunft bestimmt nutzen werden.

Das Gespräch führte Cornelia Rothe M.A.

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Cezary Dzienis
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