Wärmeversorgung neu denken
Prof. Dr.-Ing. Clemens Schneider kehrt an die HSZG zurück und forscht daran, bislang ungenutzte Wärme und Stromüberschüsse für eine nachhaltige Wärmeversorgung nutzbar zu machen.
Sein Weg führte Clemens Schneider vom Studium der Energie- und Umwelttechnik an der HSZG über die Reaktorsicherheitsforschung bis zur Leitung eines Kompetenzzentrums für die Prozessintegration von Energieanlagen. Seit Mai 2026 ist er Professor für Nachhaltige Wärmeversorgung an der Fakultät Maschinenwesen. Die HSZG und das Fraunhofer IEG haben ihn gemeinsam berufen.
Im Interview spricht Clemens Schneider über seine Verbundenheit mit der Oberlausitz, die Transformation der Wärmeversorgung und die Verbindung von Forschung und Lehre.
Ein Weg zurück an die HSZG
Würden Sie sich zu Beginn kurz vorstellen?
Sehr gern. Mein Name ist Prof. Dr.-Ing. Clemens Schneider. Seit dem 1. Mai 2026 bin ich Professor für Nachhaltige Wärmeversorgung an der Fakultät Maschinenwesen der Hochschule Zittau/Görlitz. Geboren wurde ich 1983 in Zittau. Die HSZG ist für mich kein unbekannter Ort: Bereits von Dezember 2009 bis November 2020 war ich hier wissenschaftlich tätig.
Wie sah Ihr bisheriger Werdegang aus? Welche Meilensteine haben Sie geprägt?
Mein beruflicher Weg begann zunächst ganz praktisch. Nach meinem Realschulabschluss im Jahr 2000 absolvierte ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, die ich 2004 abschloss. Anschließend erwarb ich 2005 die Fachhochschulreife.
Während meiner Fachoberschulzeit beschäftigten wir uns unter anderem mit Kernenergie. Besonders faszinierte mich dabei, wie sich aus vergleichsweise wenig Materie enorme Energiemengen gewinnen lassen. Diese Begeisterung führte mich schließlich an die Hochschule Zittau/Görlitz, wo ich bis 2009 Energie- und Umwelttechnik studierte und mich insbesondere mit Kernenergie und Strahlentechnik beschäftigte.
Im Anschluss war ich bis 2020 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSZG beziehungsweise am Institut für Prozesstechnik, Prozessautomatisierung und Messtechnik (IPM) tätig. Parallel promovierte ich bis 2015 an der Technischen Universität Dresden im Bereich der Reaktorsicherheitsforschung.
2020 übernahm ich die Standortleitung sowie die Leitung des Kompetenzzentrums für Prozessintegration von Energieanlagen. Im Mai 2026 folgte schließlich meine gemeinsame Berufung durch die Hochschule Zittau/Görlitz und das Fraunhofer IEG.
Was hat Sie dazu inspiriert, eine Karriere in der Wissenschaft einzuschlagen?
Schon als Kind wollte ich immer Erfinder werden. Mich hat es begeistert, Dinge nicht nur anzuwenden, sondern ihre Funktionsweise wirklich zu verstehen und selbst neue Lösungen zu entwickeln. Die Wissenschaft bietet mir genau diese Möglichkeit: technische Zusammenhänge im Detail zu untersuchen, neue Methoden und Konzepte zu entwickeln und diese anschließend experimentell zu erproben.
In der Industrie gibt es dafür häufig nur begrenzte Kapazitäten. In der Forschung hingegen kann ich mich intensiv mit Fragestellungen beschäftigen und Lösungsansätze verfolgen, deren praktische Umsetzung vielleicht erst in einigen Jahren möglich wird.
Was verschlägt Sie in die Oberlausitz beziehungsweise an die HSZG?
Eigentlich hat es mich nie wirklich aus der Oberlausitz weggezogen. Die Region ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen, tief verwurzelt und möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag zur Entwicklung dieser wunderbaren Region leisten. Auch mit der HSZG verbindet mich sehr viel. Sie hat den Grundstein für meine wissenschaftliche Karriere gelegt, sowohl während meines Studiums als auch im Rahmen meiner Promotion.
Mein Promotionsprojekt beschäftigte sich mit der Modellierung, Simulation und experimentellen Untersuchung von Siedevorgängen in Druckwasserreaktoren. Die Forschungsarbeiten wurden an der HSZG durchgeführt und in Kooperation mit der TU Dresden betreut. Dass ich nun als Professor an meine ehemalige Hochschule zurückkehre und mein Wissen an die nächste Generation weitergeben kann, ist für mich etwas Besonderes.
Ungenutzte Energie für die Wärmeversorgung nutzen
Was machen Sie genau? Was sind Ihre Arbeitsschwerpunkte an der HSZG?
In meiner Forschung am Fraunhofer IEG beschäftige ich mich mit der Integration verschiedener Energiesysteme über Sektorengrenzen hinweg. Vereinfacht gesagt geht es darum, vorhandene Energie möglichst intelligent und effizient zu nutzen.
Auf der einen Seite gibt es große Wärmepotenziale, die bislang ungenutzt bleiben. Auf der anderen Seite entstehen beispielsweise durch Photovoltaik- und Windenergieanlagen zeitweise Stromüberschüsse. Unser Ziel ist es, diese Potenziale miteinander zu verbinden und dadurch die Wärmeversorgung nachhaltiger und ressourcenschonender zu gestalten.
In konkreten Forschungsprojekten untersuchen wir beispielsweise, wie Stromüberschüsse zur Wasserstofferzeugung genutzt werden können und wie sich die dabei entstehende Abwärme und der Sauerstoff sinnvoll in die Fernwärmeversorgung und Abwasserreinigung integrieren lassen.
Weitere Schwerpunkte sind die Wärmeversorgung ganzer Quartiere durch Gewässerthermie und industrielle Abwärme sowie die Aufwertung und Nutzung von Restwärme in Unternehmen. Langfristig wollen wir damit den Einsatz fossiler Brennstoffe deutlich reduzieren. An der HSZG möchte ich meine Erfahrungen aus der Energieforschung direkt in die Lehre einbringen. Das geschieht insbesondere im Modul „Nachhaltige Wärmeversorgungstechnik“.
Die Region ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen, tief verwurzelt und möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag zur Entwicklung dieser wunderbaren Region leisten.
Welche Forschungsschwerpunkte liegen Ihnen besonders am Herzen und warum?
Besonders am Herzen liegt mir die Transformation unserer Wärmeversorgung. Bei der Stromerzeugung haben wir in Deutschland bereits große Fortschritte erzielt, insbesondere durch den Ausbau von Photovoltaik und Windenergie. In der Wärmeversorgung hingegen stammt ein Großteil der Energie nach wie vor aus fossilen Energieträgern. Dabei stehen uns zahlreiche bislang ungenutzte Wärmequellen zur Verfügung. Diese können beispielsweise mithilfe zeitweise vorhandener Stromüberschüsse aufgewertet und anschließend für die Wärmeversorgung eingesetzt werden.
Die große Herausforderung besteht darin, daraus Lösungen zu entwickeln, die nicht nur nachhaltig und ressourcenschonend, sondern auch effizient, wirtschaftlich und widerstandsfähig sind. Diese Transformation ist eine der wesentlichen Aufgaben für die heutige und die kommende Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Deshalb ist es mir besonders wichtig, entsprechende Lösungsansätze sowohl in der Forschung weiterzuentwickeln als auch in der Lehre zu vermitteln.
Forschung in die Lehre bringen
Wie gestalten Sie Ihre Lehre, um Studierende für Ihr Fach zu begeistern?
Mir ist wichtig, dass die Studierenden nicht nur theoretische Grundlagen kennenlernen, sondern vor allem verstehen, wie sie dieses Wissen später praktisch einsetzen können. In meinen Lehrveranstaltungen beschäftigen wir uns deshalb mit unterschiedlichen Lösungsansätzen für eine umweltfreundliche Wärmeversorgung. Dabei betrachten wir verschiedene Größenordnungen, Standortbedingungen und verfügbare Energiepotenziale. Das reicht von großen Industrieanlagen und der kommunalen Wärmeversorgung durch Stadtwerke bis hin zu intelligenten Lösungen für das eigene Zuhause.
Die Studierenden sollen also nicht nur lernen, wie nachhaltige Wärmeversorgung im großen Maßstab funktioniert, sondern auch Werkzeuge und Methoden kennenlernen, mit denen sie später beispielsweise im eigenen Haus oder in der Wohnung smarte Wärmeversorgungslösungen umsetzen können.
Die große Herausforderung besteht darin, daraus Lösungen zu entwickeln, die nicht nur nachhaltig und ressourcenschonend, sondern auch effizient, wirtschaftlich und widerstandsfähig sind.
Welchen Rat würden Sie Studierenden geben, die eine wissenschaftliche Karriere in Ihrem Fachgebiet anstreben?
Lassen Sie sich von dem leiten, was Sie wirklich begeistert und motiviert. Und vor allem: Geben Sie nicht auf, wenn die Dinge einmal länger dauern oder Herausforderungen zunächst unlösbar erscheinen. Wissenschaft ist komplex und erfordert viel Geduld und Ausdauer. Neue Erkenntnisse zu gewinnen und innovative Lösungen zu entwickeln, ist häufig deutlich zeitaufwendiger, als bereits vorhandenes Wissen und etablierte Technologien anzuwenden.
Wer sich seine Begeisterung bewahrt und auch bei Rückschlägen beharrlich bleibt, hat gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn.
Wie bekommen Sie Beruf und Freizeit beziehungsweise Familie vereinbart?
Das funktioniert vor allem durch eine gute Organisation und klare Strukturen. Ein gut gepflegter Terminkalender sowie die Abstimmung und Verteilung von Aufgaben sind sowohl im Beruf als auch innerhalb der Familie unerlässlich.
Die Flexibilität der modernen Arbeitswelt hilft dabei sehr. So kann ich beispielsweise auch einmal am späten Abend Aufgaben erledigen, die tagsüber liegen geblieben sind, ohne dass die gemeinsame Zeit mit der Familie zu kurz kommt. Auch Dienstreisen versuche ich möglichst effizient zu gestalten. Wo immer es möglich ist, nutze ich dafür die Bahn, anstatt selbst mit dem Auto zu fahren.
Haben Sie Hobbys oder Interessen, die vielleicht nicht jeder von Ihnen kennt?
Tatsächlich spiele ich Schlagzeug in einer Rockband. Das ist für mich ein schöner Ausgleich zum wissenschaftlichen Arbeitsalltag. Daneben habe ich eine kleine Werkstatt, in der ich gerne an technischen Ideen und Innovationen für unser eigenes Haus tüftle. Und dann gibt es noch meinen Oldtimer, um dessen Wartung und Pflege ich mich selbst kümmere. Die Begeisterung für Technik begleitet mich also nicht nur beruflich, sondern auch in meiner Freizeit.
Wer sich seine Begeisterung bewahrt und auch bei Rückschlägen beharrlich bleibt, hat gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn.
Gibt es ein Lebensmotto oder einen Leitspruch, der Sie begleitet?
Beharrlichkeit und Kontinuität in unserem Handeln und unseren Entscheidungen sind für mich die Grundlage dafür, unsere Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass nichts ohne Gottes Segen gelingt. Ein Zitat des deutschen Physikers und Nobelpreisträgers Max Planck hat mich besonders während meiner Promotionsphase begleitet: „Wissenschaft und Glaube sind keine Gegensätze, sondern sie ergänzen und bedingen einander.“ Dieser Gedanke beschreibt meine persönliche Haltung sehr gut.
Vielen Dank für das interessante Gespräch, Prof. Dr.-Ing. Schneider. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg an der HSZG.
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