12. März 2021

„Manche spucken drauf, ohne es zu hinterfragen!“

Mit der digitalen Ausstellung „Und raus bist du!“ zeigen Studierende, wie sich politische Verfolgung und gesellschaftliche Ausgrenzung während der NS-Zeit in Zittau äußerten.


Timon Conrad und Anne Kleinbauer sitzen an einem Tisch und unterhalten sich über die jüdische Vergangenheit der Stadt Zittau.
Foto: Jens Freudenberg HSZG-Student Timon Conrad und Anne Kleinbauer von der Hillerschen Villa gehen auf Spurensuche jüdischen Lebens in Zittau. Auf dem Tisch ist ein noch nicht verlegter Stolperstein zu sehen.

Der Blick von Nicola Bell ist starr auf den Boden gerichtet. Die Studentin der Molekularen Biotechnologie befindet sich auf dem Gehweg der Weberstraße 79 in Zittau. Dort wurden gerade drei kleine quadratische Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten in den Boden eingelassen, so genannte Stolpersteine. Die von Hand mittels Hammer und Schlagbuchstaben eingeschlagenen Letter zeigen an, dass sich hier der letzte Zittauer Wohnsitz von Familie Gessler befand. Eine jüdische Familie, deren Mitglieder im Nationalsozialismus zu Tode kamen.

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„Die Stolpersteine erinnern an das Schicksal der Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert und vertrieben, oder sogar in den Suizid getrieben wurden“, erklärt Nicola Bell.

Ein Thema, das die Studentin nicht mehr losließ. Bei der jüngsten Stolpersteinverlegung fasste sie den Entschluss, dass mehr Studierende für das Thema sensibilisiert werden müssten. „Es gibt tatsächlich Menschen, die irgendwann einmal dazu aufgefordert wurden, auf die Gedenktafeln zu spucken und dies somit für normal halten, ohne es zu hinterfragen“, schildert die Studentin kopfschüttelnd. „Ich dachte mir, es müsste eine Aktion geben, die aufklärt und mit Vorurteilen aufräumt.“

Vom Stolperstein zur Ausstellung

Die Idee entstand, ausgewählte Geschichten über das jüdische Leben in Zittau auf Informationstafeln zu erzählen und diese in der Hochschulbibliothek auszustellen.

Schnell überzeugte die Studentin ihren Kommilitonen Timon Conrad, den sie über ihre gemeinsame Arbeit im Studierendenrat kennt. Gemeinsam mit anderen HSZG-Studierenden knüpften beide den Kontakt mit dem studentischen Verein sneep, holten Studierende vom IHI mit an Bord und wandten sich an die Hillersche Villa in Zittau.

Anne Kleinbauer ist dort für jüdische Regionalgeschichte zuständig und von dem Engagement und Einsatz der Studierenden begeistert.

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„Direkt nach der Stolpersteinverlegung kam Nicola Bell auf mich zu und fragte, wie sie einen Beitrag leisten könne. Wir blieben in Kontakt und ich muss sagen, dass sie und ihre Mitstudierenden ihr Projekt komplett in Eigenregie umgesetzt haben.“

Sie selbst stand den Studierenden als wissenschaftliche Beraterin zur Seite. „Bei Fragen konnten sie sich jederzeit an mich wenden. Sie haben dann selbstständig den Förderantrag bei der Partnerschaft für Demokratie gestellt, alle Termine und Treffen koordiniert und die Ausstellung konzipiert,“ schildert die Expertin für jüdisches Leben in Zittau.

Dafür wurden Dokumente studiert, Fotografien ausgewertet und vorhandene Texte umgeschrieben, inklusive englischer und tschechischer Übersetzungen. Ein tschechischer Student war hierbei besonders hilfreich.

Jüdisches Leben als separater Teil und allgemeine Ausgrenzung

Das Ergebnis gibt deutliche Hinweise darauf, wie Antisemitismus in Zittau aussah und die jüdische Gemeinde darunter litt. „Das jüdische Leben wurde immer als separater Teil empfunden“, stellte Timon Conrad während seiner Recherchen fest. Der Student der Energie- und Umwelttechnik fordert: „Man muss es in die Kultur hineintragen und darf es nicht aus Zittau verschwinden lassen.“

So wüssten beispielsweise nur wenige von dem jüdischen Friedhof, der außerhalb des heutigen Gewerbegebietes der Stadt, weit weg vom eigentlichen zentralen Friedhof, zu finden ist. „Es geht bei der Ausstellung ganz allgemein um Ausgrenzung“, betont Timon Conrad darüber hinaus. „Albert Müller hatte z.B. psychische Probleme. Er wurde von den Nazis in einer ‘Heil- und Pflegeanstalt‘ ermordet und ist ein Beispiel für einen nicht jüdischen Verfolgten.“

Nicola Bell führt hierzu näher aus: „Man erkennt daran, dass jemand sehr schnell Ausgrenzung erfahren kann, wenn er oder sie zu marginalisierten Gesellschaftsgruppen gehört und für Probleme verantwortlich gemacht wird. Eine bestimmte Auffälligkeit genügt. Der Umschwung kann schnell erfolgen. Das ist meiner Meinung nach bis heute so, wenn man sich z.B. die Angriffe auf Asylheime betrachtet.“

Pläne müssen angepasst werden

Ursprünglich war von Dezember 2020 bis März 2021 eine feste Ausstellung in der Hochschulbibliothek in Zittau geplant. Große Tafeln mit Beschreibungstexten und Abbildungen zeitgenössischer Dokumente und Fotos sollten Interessierte über die spannende und tragische Vergangenheit der Stadt aufklären. Ab dem kommenden April sollte der Umzug in die Stadtbibliothek Liberec stattfinden, direkt auf den Platz der ehemaligen Synagoge von Liberec.

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„Dann kam der Lockdown und unsere Pläne wurden durchkreuzt,“ erzählt Timon Conrad. „Wir haben schnell umdisponiert und aus der Ausstellungseröffnung vor Ort einen digitalen Abend konzipiert Plakate wiesen auf die Veranstaltung Ende Dezember hin.“

Die Webseite zur Ausstellung "Und raus bist du" entstand und wurde zum zentralen Anlaufpunkt.

„Wenn es wieder möglich ist, werden wir die ursprünglichen Pläne wieder aufgreifen“, ist sich Nicola Bell sicher. In der Zwischenzeit werden die Tafeln in der Hillerschen Villa gelagert. Neben einer Installation in Bibliotheken können sich die Studierenden sehr gut vorstellen, dass die Ausstellungsstücke künftig auch in Schulen eingesetzt werden, um nachhaltig und kontinuierlich aufzuklären.

info

„Und raus bist du!“ ist ein Projekt von Studierenden für Studierende und Zittauer*innen. Wer sich für die Fortsetzung und den Ausbau des Projektes einsetzen möchte, ist herzlich willkommen! Interessierte können sich melden.

Wie gehen die Studierenden nach ihrer intensiven Recherche mit dem Thema um? „Man beschäftigt sich ständig damit und sucht aktiv nach Spuren oder Stolpersteinen, die leider immer wieder auch unkenntlich gemacht werden“, so Timon Conrad. „Ich gehe seither buchstäblich mit deutlich offeneren Augen durch die Stadt und durchs Leben.“

„Sicher ist das Thema sehr bedrückend. Aber es ist umso wichtiger, dass man darüber Bescheid weiß“, ist sich Nicola Bell sicher. „Wir stellen uns gegen diejenigen, die es in Vergessenheit geraten lassen wollen.“

Text: Cornelia Rothe M.A.

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Ihre Ansprechperson

Nicola Bell

 

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