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Bauforschung Lauenvorstadt Bautzen

14. Jul. 2014

Die Forschungsaufgabe stand in Zusammenhang mit einem Planungsvorhaben in der Lauenvorstadt, das 2014 zurückgezogen wurde. Die Denkmalpflegebehörde forderte eine bauarchäologische Untersuchung von zwei Gebäudekomplexen, gerichtet auf die zeichnerischen Rekonstruktion älterer Bauphasen.

 

Architekturgeschichtliches Gutachten zur Goschwitzstraße 9, Bautzen, genannt „Alte Posthalterei“

Architekturgeschichtlich ist die Bebauung der Goschwitzstraße 9 (GS 9) vom Zeitgeschehen immer aufs Neue stark gebeutelt worden, so dass nur mühsam die Bausubstanz in gebührender Weise interpretiert werden kann. Es war um 1700 ein Vorwerk mit Häusern und Scheune. Immer schon war die Lauenvorstadt ein geeigneter Standort für solche Vorwerke, die eine hauswirtschaftliche Ergänzung zum Hauptsitz betuchter Bürger und Bierhofbesitzer Bautzens bildeten. Die vorliegende umfangreiche Studie für das Gutachten belegt dennoch an Hand dieses Baukomplexes - teils überraschend detailliert - bauspezifische Erkenntnisse zu einem der wichtigsten Postsysteme Europas im 18. Jh. August der Starke (1670-1733,) Kurfürst von Sachsen und zeitweise König von Polen und Großherzog von Litauen, erteilt 1713 Adam Friedrich Zürner den Auftrag sein Kurfürstentum neu zu vermessen. Im Spätherbst 1718 erscheint die „Chursächsische Post-Charte“ mit Angabe der Hauptrouten. Es folgt eine flächendeckende Verbreitung der Postmeilensäulen mit Distanzen, was erst ein behördlich eingebundenes Transportwesen für Personen und Post ermöglicht.

Die Doppelherrschaft von ihm und seinem nachfolgenden Sohn Friedrich August über Polen (Königreich) und Sachsen (Kurfürstentum) hat einen regen Verkehr zwischen Breslau, auch Warschau, und Dresden benötigt. Gerade Bautzen, als Hauptsitz der Marggraftums Oberlausitz, war dabei ein wichtiger Zwischenhalt mit der Posthalterei als Rast- und Übernachtungsstelle. Weitere Zwischenhalte waren Rothkretscham und Görlitz. Das Gutachten konzentriert sich auf die baulichen Begebenheiten von GS 9 im Zeitraum von 1749 – als die Posthalterei an dieser Stelle eingerichtet wurde – bis 1813. Offenbar Mitte des siebenjährigen Krieges (1756-1763), im Jahr 1759, wurde die Posthalterei ausgebaut im Sinne eines gebäudelehretechnisch perfekten Funktionsbau.

Die Umstände waren durch abgezwungene Einquartierung und Kriegseinwirken mit Beschädigungen denkbar schwierig. Die größte Herausforderung stellte die Unterbringung von 24 Pferden oder mehr dar, wofür teilweise Leihpferde requiriert wurden. Das Gutachten zeigt eine zeichnerische Rekonstruktion, basierend auf zahlreichen Sondierungen der Bausubstanz. Die beiden festgestellten Durchfahrten erweisen sich dabei differenzierbar für Ein- und Ausfahrt der Postkutschen, die mit bis zu sechs Pferden angespannt waren. Ein dekoratives Gewölbe im Frühstücks- und Speiseraum für die Postkutschenkunden wird stilistisch interpretiert im Zusammenhang mit ähnlicher Ausstattung im Görlitzer Landständehaus in Bautzen.

Erstmals wird, an Hand von Originalunterlagen, die Geschichte des 1812 für die Extra Post unkorrekt abgefertigten Napoleons – der inkognito reiste – dargelegt. Zuständig war Posthalter Christian Friedrich Rohn, der nach seiner Bestrafung, nervlich belastet und tödlich erkrankt, 1813 als Posthalter abberufen wird. Damit schließt an diesem Standort die Posthalterei, 1816 ebenfalls das Oberpostamt für die Oberlausitz in Bautzen. Ein großer Brand wird das Gebäude, wie die gesamte Lauenvorstadt, 1827 schwer beschädigen. Andere Funktionen sollten einziehen. Die Änderungen betrafen die gesamte Fassade, mit hochwertiger Befensterung der Zeit im Rhythmus von neuen Strebepfeilern. Letztere, so weist das Gutachten nach, stehen in Zusammenhang mit einer Änderung der Pflasterhöhe, die rund 20 cm tiefer gelegt wurde, wodurch die Mauern alleine den Gewölbeschub nicht mehr meisterten.

In Deutschland finden sich historisch kaum Posthaltereien von vor 1800 mit derart angepasster Bebauung wie die Posthalterei in Bautzen, organisiert um einen Hof. In Frankreich findet man einen ausgereiften ähnlichen Bautyp, das Relais de Poste aux Chevaux in Les Ormes, auf dem Weg zwischen Paris und Bordeaux, unter König Ludwig XV. eingerichtet. Gilt dieser als architektonisches Meisterstück – 1994 als nationales französisches Kulturerbe ausgezeichnet – so ist die Posthalterei Bautzen gerade durch ihre Einfachheit einmalig interessant. Noch um 1900 wurde eine Posthalterei in München nach modernen Kriterien eingerichtet, die Ähnlichkeit mit der Posthalterei in Bautzen aufweist.

 

Architekturgeschichtliches Gutachten zur Äußeren Lauenstraße 9, Bautzen 

Architekturgeschichtlich gesehen kann die Bebauung der Äußeren Lauenstraße 9 (Grundstücke ÄLS 9a-d) und Goschwitzstraße 1 (Teilgrundstück ÄLS 9e) in zwei Phasen unterteilt werden. Eventuell ältere Bebauung von vor 1600 ist oberflächlich nicht mehr feststellbar und durch Brand- und Kriegszerstörungen vor 1650 nicht wahrscheinlich.

1. Bauphase: vor 1700 (Schreiberplan 1700/1709) – 1827 (Stadtbrand) - bis 1860 (Umbau)

Vier Häuser und eine Scheune in 1700, nachher um 1801/1804 vier Häuser ÄLS 9a-d und Garten ÄLS 9e.

Der leicht ansteigenden Goschwitzstraße entsprechend zeigten die Häuser um 1700 verschiedene Deckenebenen, nach 1860 teilweise beibehalten. Die Grundstücksdimension ist von Flurstückkarten um 1900 bekannt und lässt sich an der Bausubstanz ablesen, trotz späterer Änderungen (1860). Ein alter Keller wurde in ÄLS 9a, ein ehemaliges Vorwerk mit Hof in Miniformat, nachgewiesen. Die (zeichnerische) Rekonstruktion von ÄLS 9d, ein zweigeschossiges Haus mit Zwerggiebel an einem taufständigen Dach, ergibt eine interessante Änderung der Treppe, welche mit dem Umbau 1860 notwendig geworden war. Drei Phasen dieses Hauses (1700, 1860, 1930) können mit zeichnerischer Rekonstruktion dargestellt werden. Detailliert gibt es Angaben zum provisorischen Wiederaufbau nach dem Brand in der Lauenvorstadt 1827, mit 4 zweigeschossigen Häusern und Hinterhofbebauung. Seit 1750 ist eine Konzession für ÄLS 9c, später vereint mit ÄLS 9b. 

2. Bauphase: seit 1860.

(Um-)Bau zum dreigeschossigen Apartmenthaus mit Branntwein- und Spiritusbrennerei. Im Hinblick auf den eingreifenden Umbau 1860 (genaues Datum bisher nicht festgestellt) wird nach den Wiederaufbaubemühungen seit dem Stadtbrand 1827 der Besitz der fünf  Teilgrundstücke 1850 vereint. Dem Umbau selbst ging ein Verbot des Wiederaufbaus von Scheunen voran, die alle wegen Brandgefahr außerhalb der Vorstädte verlegt wurden.

Eingreifend für den Umbau war die Bedingung der brandsicheren Integration der Branntweinbrennerei, die – relativ – konform mit der Bauordnung 1858 war. Die früher nach innen erschließende Verbindung wurde zugemauert und nur vom Hof aus konnte das Brennereigewölbe betreten werden.

Architektonisch wurde die Fassade dreistöckig überarbeitet im Stil des Klassizismus. Bautechnisch wurden neue Gewölbe in Leichtbau (vermutlich statisch optimiert) erstellt. Die gesamte Anpassung des Apartmenthauses mit großen Wohnungen für das höhere Bürgertum ist von Rationalität im Entwurf, aber auch Sparsamkeit geprägt. Architektonisch gliedernd wirkt die „scheunenartige“ Freistellung von GS 1(ÄLS 9e), welche eine Durchfahrt zum Hof mit einem Brennereilager kombinierte. Im hier erhöhten Obergeschoss befand sich neben der größten Wohnung für den Amtshauptmann von Bautzen, Hermann von Salza und Lichtenau (1829-1915), ein Empfangs- und Tanzsaal.

Insgesamt kann nachgewiesen werden, dass die Bebauung von Grundstück ÄLS 9 sich über die Jahrhunderte entwickelte von einer durch Vorwerke geprägten Lauenvorstadt zum repräsentativen Wohnungsbau einer  modernen Kreisstadt mit Bahnanbindung. Die Qualität der Architektur liegt eher in gebäudetechnischen Einzelheiten (Leichtbaugewölbe, ausgemagertes Fachwerk als Tragkonstruktion für weit spannende Decken, Brennereispezifisches) als in einer hochwertigen gediegenen Ausführung mit hohem architektonischen Anspruch, des bis jetzt unbekannten, dennoch versierten Architekten. Eigentumsverhältnisse sind weitgehend durch Transkription von Kaufbriefen im Gutachten nachgewiesen, und diese Ergebnisse stehen nunmehr für die Bautzener Stadtgeschichte, über die Baugeschichte und Denkmalpflege hinaus, zur Verfügung.

 

Am Tag des offenen Denkmals am 14. November Führung durch Prof. Tomlow zu Goschwitzstraße 9.  11.00 Uhr und 13.00 Uhr. Anmeldung ist erforderlich.  http://tag-des-offenen-denkmals.de/laender/


Koordination Prof. Dr.-Ing. Jos Tomlow

Bauaufnahme Studenten Bab 09, Robert Athner, Janusz Cywinski, Ralf Femmer, Christina Günther, Isabell Gsuck, Judith Iwers, Stefanie Jannasch, Claudia Michael, Stefan Riedel, Sebastian Rohrbach, Josefine Rühle, Marina Sinner, David Schierz, Philipp Schopf, Max Schwarzbach, Susanne Tamm, Natalie Ulrich.

Vermessungstechnische Betreuung Prof. Dr.-Ing. Bettina Schütze, Dipl.-Ing. Hilmar Klinger

Sondierungen Jens Freudenberg

Fotos Jens Freudenberg, Ralf Femmer, Studenten BAb 09

Rekonstruktionen Prof. Dr.-Ing. Jos Tomlow, Grafische Bearbeitung Ralf Femmer, Danny Gründer

Archivrecherchen und redaktionelle Mitwirkung: Dipl.-Ing. Sabine Spitzner-Schmieder

Auftraggeberin Stadt Bautzen, Bürgermeister Peter Hesse

Beratung Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Gebietsreferent Dr. Ulrich Rosner, Untere Denkmalpflege, Referentin für Bautzen, Verena Mittasch

Laufzeit 2012-2014

 

 

Letzte Änderung: 4. September 2018

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